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Position: Die Grenzen der Freiheit - Einige Gedanken und praktische Ratschläge zur Technik und Kunst des Übersetzens (Artikel von Hans Luchsinger)
Institution: www.acad.jobs
Location: Austria, Switzerland, Germany, Liechtenstein
Duties: In diesem kurzen Aufsatz wird auf Probleme beim Übersetzen eingegangen. Pflicht für alle Übersetzer/innen und gut zu wissen für alle anderen. Auszüge: a) Auf der Ebene der Hochsprache kann man eigentlich nur aus Fremdsprachen in die Muttersprache übersetzen, denn die letzten Feinheiten des Stils, die Meisterschaft, lassen sich in einer Fremdsprache kaum erwerben. b) Eine gründliche Kenntnis der Kultur beider Sprachen ist unerlässlich, also der Originalsprache und der Zielsprache. Dies bedeutet beiläufig erwähnt auch, dass kein seriöser Übersetzer zehn Sprachen beherrschen kann. c) Man fragt sich also: wie würde ich diesen Gedanken auf deutsch denken? Und nicht: wie würde ich diesen Gedanken auf deutsch sagen?
   
Text: Die Grenzen der Freiheit Einige Gedanken und praktische Ratschläge zur Technik und Kunst des Übersetzens Je nach Stilebene und Literaturgattung darf sich ein Übersetzer grössere oder kleinere Freiheiten erlauben. In Bezug auf Stil unterscheide ich drei Ebenen: 1. Trivialliteratur, 2. Fachliteratur und 3. prosaische Hochsprache und Dichtung (gebundene Rede). In der Alltagssprache und Trivialliteratur sind weder Inhalt, noch Vokabular (Lexikon), noch Stil besondere Kostbarkeiten. Man muss deshalb nur sinngemäss übersetzen und braucht nicht auf das Lexikon und schon gar nicht auf den Stil Rücksicht zu nehmen. Beispiele: Zeitungsartikel, Handelskorrespondenz, Kurzgeschichten vom Niveau des Readers Digest, billige Romane, usw. Die Fachliteratur, in der ein mehr oder minder komplizierter Sachverhalt dargestellt wird, zeichnet sich vor allem durch ein spezielles Vokabular und teilweise auch je nach Wissenszweig durch Stileigenheiten aus (Berufsjargon). Beim Übersetzen von Fachliteratur müssen Sinn und Lexikon ganz genau wiedergegeben werden, bei einigen Wissensgebieten, z.B. Jurisprudenz, Medizin, zudem der für das Gebiet typische Stil. Die Hochsprache stellt an den Übersetzer die grössten Anforderungen: die vielschichtigen Assoziationen des Wortschatzes der Ursprache müssen in der Übertragung so weit als möglich erhalten, der inhaltliche Wert muss gewahrt bleiben, und vor allem der Stil des Originals, dem der Übersetzer unbedingt verpflichtet ist und den er entsprechend nachzubilden suchen muss. Der Stil der Übertragung muss der Epoche, in der ein Werk entstanden ist, und der Literaturgattung gerecht werden. Jede Gattung verlangt nach dem ihr eigentümlichen Stil, z.B. ein Märchen, ein Essay, eine Novelle, eine Satire, ein moderner Roman. Bei der Übertragung von Gedichten kommt neben der Wiedergabe des Sinns als weitere manchmal kaum zu bewältigende Aufgabe die Nachdichtung von Meter und Reim und die Wiedergabe der Sprachmelodik hinzu. Auf der Ebene der Hochsprache kann man eigentlich nur aus Fremdsprachen in die Muttersprache übersetzen, denn die letzten Feinheiten des Stils, die Meisterschaft, lassen sich in einer Fremdsprache kaum erwerben. Welches Instrumentarium muss nun ein Übersetzer unbedingt beherrschen? Ich erwähne nur am Rande das elementare Rüstzeug, wie Morphologie, Grammatik, Syntax, Orthographie und Interpunktionen. Eine sehr gute Kenntnis der faux amis ist ebenfalls Bedingung, dh. der in zwei Sprachen gleich lautenden Wörter mit verschiedener Bedeutung, z.B. heisst «burro» auf spanisch nicht «Butter» sondern «Esel», oder «we will eventualIy decide this question» heisst nicht «wir werden diese Frage eventuell entscheiden», sondern «wir werden diese Frage gelegentlich entscheiden». Oder «the insurgents are in control of the capital» heisst nicht «die Aufständischen kontrollieren die Hauptstadt» sondern «die Aufständischen beherrschen die Hauptstadt» und auf einem Kriegsschiff heisst der «control tower» nicht «Kontrollturm», sondern «Kommandoturm». «Iceberg lettuce» heisst nicht «Eisberglattich», sondern «Eisbergsalat» denn «lettuce» bedeutet «Kopfsalat» und nicht «Lattich». Genau so wenig heisst «strawberry» - «Strohbeere», sondern «Erdbeere». Ebenso muss ein Übersetzer unbedingt die Grenzen seines Textverständnisses erkennen . Ist z.B. in einem Text über französische Parlamentarier von einem Abgeordneten de la Gironde die Rede, so muss ein Übersetzer merken, auch wenn er nicht die beste Kenntnis der französischen Verhältnisse hat, dass hier nicht ein Monsieur de la Gironde gemeint ist, sondern der Abgeordnete des Departementes Gironde. Solche Schnitzer sind unverzeihlich. Eine gründliche Kenntnis der Kultur beider Sprachen ist unerlässlich, also der Originalsprache und der Zielsprache. Dies bedeutet beiläufig erwähnt auch, dass kein seriöser Übersetzer zehn Sprachen beherrschen kann. Übersetzt z.B. jemand aus dem Englischen ins Deutsche, so muss er ein Shakespearezitat als solches erkennen und es so wiedergeben, wie es sich nach der Übersetzung von Schlegel und Tieck im Deutschen eingebürgert hat. «A horse, a horse, my kingdom for a horse!» heisst nicht «ein Pferd, ein Pferd, ein Pferd für mein Königreich!» sondern «ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd!» Auch Sprichwörter, geflügelte Worte, Redewendungen, müssen richtig wiedergegeben werden; der Übersetzer darf sie nicht nach eigenem Gutdünken abändern oder der Spur nach übersetzen, weil er zu faul ist auf die Quellen zurückzugreifen. All dies ist wie gesagt eigentlich elementar. Ich erwähne es nur deshalb, weil solche Schnitzer tagtäglich produziert werden, von Leuten, die nicht zum Übersetzer taugen, aber sich eben doch als Übersetzer betätigen können, weil der Berufstitel «Übersetzer» nicht geschützt ist. Wir kommen nun zur Kernfrage: was bedeutet denn eigentlich richtig und gut übersetzen? Gibt es einen Kodex von Regeln, dem man sozusagen blind folgen könnte, damit sicher eine richtige und gute Übersetzung entsteht, etwa im Stile eines Ja-nein-Programms der elektronischen Datenverarbeitung, wobei die verschiedenen Aussagearten analysiert würden und man durch Elimination aller nicht zutreffenden Alternativen Schritt für Schritt zur einzig richtigen Lösung käme? ... [hier folgt im Originaltext eine kurze Abhandlung über automatische Übersetzungsprogramme mit graphischen Darstellungen anno 1982 - ohne heutigen Wert]... Mit solch scharfsinnigen Analysen bringt man es in der Tat fertig, eine elektronische Übersetzungsmaschine so zu programmieren, dass sie einen mathematischen Text gut, und sogar einen Text von Charles Dickens leidlich übertragen kann. Leider taugen aber solche Analysen und Programme für den menschlichen Übersetzer nichts, denn der Mensch bewältigt die sprachliche Analyse und Synthese intuitiv schneller, als er einem solchen Programm zu folgen vermag, das ein Elektronengehirn in Millisekunden durchrast. Auch eine logische Analyse und Klassierung der verschiedenen Aussagearten, nach Kommunikationsinhalt und -form, etwa eine Art morphologischer Kasten, bringt nichts, wobei man z.B. sagen würde: Inhalt A erfordert in der Zielsprache die Struktur p, Inhalt B Struktur q, Inhalt C Struktur r, usw. , also eine Regel, nach der einem gewissen Inhalt der Ausgangssprache eine bestimmte Form in der Zielsprache zugeordnet werden muss oder kann. Wenigstens meines Wissens haben solche Analysen bisher [1982!] noch keinem angehenden Übersetzer etwas genützt, und ein erfahrener Übersetzer braucht sie nicht. Es gibt nur eines: man muss sich vom Sprachgefühl leiten lassen. Das Sprachgefühl erwirbt und pflegt man, indem man immer wieder die Meister des Stils liest. Daneben gilt als wichtigste Regel: einen Gedanken in der Zielsprache so ausdrücken, wie wenn er zuerst in der Zielsprache gedacht worden wäre; also den Gedanken aus der Ausgangssprache herausschälen, ihn möglichst von der ihm anhaftenden Struktur der Ausgangssprache befreien und ihn dem Wesen der Struktur der Zielsprache entsprechend neu formulieren. Man fragt sich also: wie würde ich diesen Gedanken auf deutsch denken? Und nicht: wie würde ich diesen Gedanken auf deutsch sagen? Dazu gibt es einige Kunstgriffe, deren sich der geübte Übersetzer mit Selbstverständlichkeit bedient. Ich denke hier wohlverstanden an das Deutsche als Zielsprache! Nämlich: Substantivische Konstruktionen verbal wiedergeben. Z.B. illustriert Legrand in seiner Stylistique Française, wie im Französischen eine substantivische Konstruktion der verbalen vorzuziehen sei (es ist die Rede von Angeklagten, die bisher jede Aussage verweigerten) : «Les accusés cédèrent, parce qu’on leur promit formellement qu’ils ne seraient pas punis.» Dagegen die spracheigentümliche, elegante französische Variante: «Les accusés cédèrent à une promesse formelle d'impunité .» Im Deutschen ist es gerade umgekehrt: die substantivische Version wirkt plump: «Die Angeklagten gaben einem förmlichen Versprechen von Straflosigkeit nach.» Ja, ein solcher Satz wirkt auf deutsch nicht nur plump, er ist auch kaum verständlich - man muss sich fragen: was soll das denn bedeuten? Dagegen verbal: «Als man den Angeklagten in aller Form versprach, sie würden straflos ausgehen, gaben sie nach.» NB auch, dass die inhaltliche Folge der Aussagen im Deutschen umgekrempelt wurde. Auch dieser einfache Kunstgriff erleichtert vieles. Sodann: statt Nebensätzen, Partizipialkonstruktionen, wählt man im Deutschen oft besser eine parataktische Konstruktion, z.B.: «Ils restèrent un instant ainsi plantés, à nous regarder; moi, debout, croyant me trouver devant deux apparitions de contes; Kyra, jetée à leurs pieds.» - «Sie pflanzten sich einen Augenblick so vor uns auf und betrachteten uns. Ich stand vor ihnen und glaubte zwei Märchengestalten zu sehen; Kyra lag ihnen zu Füssen.» Reflexive Verben dürfen manchmal nicht reflexiv wiedergegeben werden, und umgekehrt. Unpersönliche Ausdrücke, z.B. aus dem Englischen, «it is essential to know,» auf deutsch eleganter: «man muss sich unbedingt vor Augen halten.» Personifikationen dürfen nicht unbesehen übernommen werden, z.B. (es handelt sich um die Härteprobe von Mineralien) «care should be exercized in testing for hardness. If one mineral scratches another, ...» - Auf deutsch nicht: «Wenn ein Mineral ein anderes kratzt,» sondern «wenn man ein Mineral mit einem anderen kratzt.» Gewisse Adjektive werden im Deutschen nicht attributiv, sondern prädikativ verwendet, z.B. «this is a possible solution,» - «diese Lösung ist möglich,» und nicht «dies ist eine mögliche Lösung.» Vor allem darf man nicht gedankenlos einfach Wort für Wort übersetzen, wenn die Struktur im Deutschen ganz anders sein muss, z.B. «he has a different approach,» - «er fasst die Sache anders auf,» und nicht «er hat einen anderen Zugang.» Oder «this is a challenge» - «Diese Aufgabe reizt uns.» Am Rande sei hier vermerkt, dass die Sprache leider durch unfähige Übersetzer in solchen Fällen ständig vergewaltigt wird und das Sprachempfinden unter der ständigen Berieselung durch Massenmedien und Reklame zerstört wird. Man wird es mir deshalb vielleicht bereits als antiquierten Purismus ankreiden, wenn ich die Übersetzung von «challenge» durch «Herausforderung» als banausenhaften Schnitzer brandmarke. Wir kommen hier zu Fragen der vergleichenden Linguistik: wie lassen sich Kommunikationsinhalte klassieren, welche Strukturen sind in einer Sprache für einen bestimmten Inhalt idiomatisch, welche Strukturen in einer anderen Sprache? Eine solche Untersuchung sprengt den Rahmen dieses Aufsatzes. Eine gute Schulung für angehende Übersetzer ist das Übertragen aus einer von der Muttersprache strukturell möglichst verschiedenen Sprache. Dies ist immer einer der Hauptgewinne des Lateinstudiums gewesen. Schon bei verhältnismässig nahe verwandten Sprachen gibt es zwar strukturelle Verschiedenheiten, die einem gar nicht mehr zum Bewusstsein kommen, z.B. «la mia madre» - «meine Mutter» und nicht «die meine Mutter.» Dagegen im Ungarischen: «Az én édesanyám,» wörtlich «die ich süsse Mutter meine.» Oder im Russischen: «Wot on i gawarit,» wörtlich «da er und spricht» auf deutsch: «da sprach er.» Oder die Verwendung des Imperativs im Russischen als historisches Präsens; oder die Art der Verneinung im Türkischen. Man kann deshalb den Studierenden nicht genug empfehlen, sich mit fremdartigen Sprachen auseinanderzusetzen, damit das strukturelle Umdenken bewusst wird, zur bewusst geübten Praxis und Gewohnheit. Nun ein paar Gedanken zur Wiedergabe von Wortbildern und -figuren: nicht jede Metapher darf unbesehen nachvollzogen werden, z.B. «On vient d'apprendre que, dans une réserve du territoire helvétique, on se dispose à sacrifier un millier de cerfs sur l’autel de la protection de la nature.» Übersetzen wir: «...auf dem Altar des Naturschutzes zu opfern...» so wirkt dies ausgesprochen geschraubt. Man muss z.B. sagen: «... dem Grundsatz (oder: dem Gedanken) des Naturschutzes ...». Auch Synekdoche, Antonomasie, Hypallage, Hendiadyoin, usw., können nicht unbesehen Wort für Wort übernommen werden, sondern der Übersetzer muss sich wie immer vom Sprachgefühl leiten lassen, das ihm sagt, ob Wortbilder oder -figuren im Deutschen nicht zu gewagt, vielleicht sogar absurd wirken. Hier beginnen die Grenzen der Übersetzbarkeit, besonders in der gebundenen Rede, beim Gedicht, aber auch in der hochsprachlichen Prosa. Oft bleibt nichts anderes übrig, als in einer Fussnote die Unübersetzbarkeit zu erklären. Was ist also richtig, was falsch, was gut, was schlecht? Die Grenzen zwischen richtig und falsch, gut und schlecht , sind teils eindeutig scharf gezogen, besonders bei einfachen Texten und beim Lexikon der Fachliteratur. Je komplizierter aber Inhalt und Stil, je höher stehend ein literarisches Werk, desto mehr wird alles Ermessensfrage, wird Übersetzen zur Kunst. Hans Luchsinger [Vater von Christoph Luchsinger; Hervorhebungen durch Christoph Luchsinger] Männedorf, Mai 1982
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